Neues aus der Versicherungspraxis

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Die Cyber-Versicherung steht gut da. Punkt und gut? Nein, es gibt auch ein Aber.

Die gute Nachricht vorweg: Die Cyber-Versicherung ist und bleibt die weltweit am schnellsten wachsende Sparte in der Gewerbe- und Industrieversicherung. In einer aktuellen Studie des Beratungshauses Finaccord wird der Sparte für das kommende Jahr 2019 sogar ein Wachstum von mehr als 30 Prozent prognostiziert. Die Nase vorn haben nach wie vor die USA, mit einem Prämienvolumen von geschätzten 1,57 Milliarden Dollar sind sie der größte Markt für Cyber-Versicherungen (Quelle: Studie AON). Für den deutschen Markt hat Hiscox ein aktuelles Prämienvolumen von rund 70 Millionen Euro geschätzt (Stand 09/2018). Allerdings sieht der Versicherer Probleme hinsichtlich der Validität dieser Zahl, was darauf zurückzuführen ist, dass dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) von keinem Versicherer Kennzahlen für diese Sparte mitgeteilt wurden. Unsere Einschätzung bestätigt dies im Übrigen.

Angst vor Kumulschäden

Wachstum ja, doch ein genauerer Blick zeigt: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. So betonte beispielsweise der Vorstand des Gesamtverbandes der versicherungsnehmenden Wirtschaft e.V. (GVNW) und BASF-Risikomanager Dr. Eberhard Feller auf dem GVNW-Symposium im September, dass durch die Versicherer keine ausreichenden Deckungssummen für Cyberrisiken zur Verfügung gestellt werden. Seiner Einschätzung nach sind die Anbieter zuletzt spürbar zurückhaltender geworden. Eine Erklärung lieferte Martin Weymann von der Swiss Re: Sowohl sein eigenes Unternehmen als auch die gesamte Branche hätten großen Respekt vor möglichen Kumulgefahren.

Einen etwas differenzierten Blick auf die Situation hat der Rückversicherer Munich Re. Geht es nach deren Chief Underwriter Stefan Golling, sollten keine Netzausfälle versichert werden. Gemeint sind sowohl Ausfälle des Stromnetzes wie Ausfälle des Internets. Ist dieses auslösende Ereignis ausgeschlossen, können Folge- und damit Kumulschäden vermieden werden. Dennoch ist sich die Munich Re ganz klar ihrer Verantwortung, was die Entwicklung der Cyber-Versicherungsspate betrifft, bewusst. Deshalb sprach Vorstand Torsten Jeworrek beim diesjährigen Welt-Rückversicherungstreffen in Monte Carlo auch ein Machtwort: „Das größte Risiko ist, dass wir keine Versicherungslösung für die Cyberrisiken finden“, sagte er. „Wenn das passiert, wird die Versicherungswirtschaft überflüssig“.

Dass eine positive Einstellung der Rückversicherer in Bezug auf die Versicherbarkeit des Risikos und drohender Kumulschäden unverzichtbar ist, unterstreicht auch Roman Potyka, Cyber-Underwriter Commercial Lines bei Hiscox. Er beispielsweise fährt die eigene Quote an dem, was gezeichnet wird, immer weiter runter. Mit diesem Versuch möchte er hinsichtlich des eigenen Risikoanteils eine gewisse Breite abdecken, ohne in kritische Bereiche zu kommen. Die entsprechenden Rückversicherungskapazitäten hierfür sind aktuell noch vorhanden, die zukünftige Entwicklung ist spannend zu betrachten, so Potyka.

Selbstkritik der Branche

Geht es um die aktuellen Entwicklungen, sind Cyber-Versicherer im Übrigen durchaus selbstkritisch. Das Produkt sei nicht einfach zu vermitteln, betonte der AXA-Produktmanager Dirk Kalinowski auf der MCC-Konferenz im September. Seiner Meinung nach wird immer undeutlicher, was die Cyber-Deckung eigentlich ist. Das liegt wohl auch daran, dass permanent neue Deckungsbausteine hinzukommen. Zudem sind die vielen unterschiedlichen und komplizierten Begriffe der Versicherer für den Vermittler nur schwer unter einen Hut zu bringen, auch der Bedarf des Kunden wird nicht ausreichend verstanden. Um hier zu optimieren, braucht es laut Kalinowski gute Schadenbeispiele. Denn auch der Kunde steht bei diesem Thema noch ganz am Anfang – tatsächlich können Kunden ihre drei schlimmsten Schadenszenarien für Cyber-Angriffe nicht benennen.

Ungewöhnlich offen im Hinblick auf die Schadenfrequenz äußerte sich übrigens Michael Daum, Cyber-Underwriter der AGCS. Etwas mehr als jede zehnte Police ist laut Daum von einem Cyber-Schaden betroffen, die Forensiker der AGCS sind entsprechend häufig im Einsatz. Was die Ursache betrifft, hat Daum folgende Erfahrungen gemacht: So wurden die Cyber-Schäden im Bereich Betriebsunterbrechung nur selten durch einen zielgerichteten Angriff verursacht. Vielmehr handelt es sich um „Kollateralschäden einer Zufallsattacke“. Häufig kommen auch Datenschutzfälle vor, wobei zumindest Daum keine spürbare Erhöhung aufgrund der DSGVO erkennen kann. Anders sieht es mit Schadenfällen im Bereich Cyber-Diebstahl aus, hier ist ein Wachstum klar erkennbar. Ebenfalls interessant: Das Unternehmens-Management zeigt, so der AGCS-Versicherer, ein gesteigertes Engagement beim Thema Cyber-Diebstahl und setzt entsprechende Mittel zur Absicherung frei. Es lässt sich also festhalten, dass der Cyber-Versicherungsschutz in vielen Branchen eine große Rolle spielt, Automobilhersteller beispielsweise machen ihn sogar zur Bedingung für ihre Zulieferer.

Fazit: Cyber-Versicherung ist eine spannende Sparte

Ein positives Resümee seitens der Vermittler zieht der scheidende BDVM-Präsident Georg Bräuchle. Seiner Aussage zufolge bereitet die junge Sparte den Vermittlern viel Freude. Als einen Grund nennt er die „weitreichenden Deckungen“ und die „noch moderaten Preise“. Auf den Brexit angesprochen, sieht Bräuchle kein Kapazitätsproblem für große Risiken mit hohen Versicherungssummen. Die wachsende Vorsicht der Versicherer jedoch ist auch Bräuchle bekannt. „Wo früher 50 Millionen Euro bei einem Versicherer möglich waren, sind es jetzt 20 Millionen Euro.“ Er führt diese Entwicklung vor allem auf die Schadenerfahrungen zurück.

Als Spezialmakler können wir dem BDVM-Präsidenten in vielen Punkten zustimmen. Die Vertragsabschlüsse nehmen weiterhin zu und Probleme hinsichtlich geeigneter Kapazitäten bleiben vorerst noch aus. Aus unserer Sicht ist jedoch zu beobachten, dass einige Marktteilnehmer innerhalb der Risikobeurteilung strenger und auch teurer werden. So kommt es durchaus häufiger vor, dass Quotierungen für bestimmte Risiken aus dem Jahr 2017 schon ein Jahr später nicht mehr gehalten werden können und mit einer höheren Prämie bewertet werden. Wir gehen davon aus, dass wir es auch weiterhin mit einem Käufermarkt zu tun haben werden und sehen einen deutlichen Prämienanstieg nicht kurzfristig.

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